2

Piratenpartei – Meine Geschichte

Früher, da waren die Piraten etwas wie die Exoten für mich am Partei Himmel. Doch diese Exoten Partei hatte Themen, die mich in ihren Bann zogen. Sie stehen für alles was mir wichtig ist. Also interessierte ich mich näher was das für ein Haufen ist. Ich fing an Tweets dieser Piraten zu lesen, die Facebook Seiten zu besuchen und ihre Foren zu lesen. Da war etwas, was ich kannte, ich fühlte, dass die Piraten sich kaum von mir unterschieden. Im Gegenteil, sie klangen wie die Menschen mit denen ich mich umgab. Ich spürte, dass da meine politische Heimat sich aufgetan hat. Genauso, wie ich vernahm dass das System diese Menschen versucht hat ins lächerliche zu ziehen. Das tat mir im Grunde weh, denn sie stehen für die richtigen Dinge, zu mindestens aus meinem Empfinden heraus. Doch eigentlich war ich Politik geschädigt. Von Parteien, die sich nicht um uns scheren, Parteien, denen es nur um Machterhalt und Gesichter ging. Doch die Piraten waren anders, sie wollten das alles nicht. 

Nach langen überlegen suchte ich raus wo sich denn diese Piraten in Köln treffen und wollte einfach mal so einen Stammtisch besuchen. Auf dem Weg wurde mir ein wenig mulmig, ich wusste nicht was mich erwartet. Als ich vor der Location stand, war es nicht besser. Es standen einige Personen draußen und Rauchten, ich fragte sie wo sich die Piraten treffen, man sagte mir in einem Nebenraum. Dieser war auch schnell gefunden und der Stammtisch war gut besucht. Verlegen stellte ich mich in die Ecke und wollte einfach erst mal zuhören. Ich merkte wie man mich musterte, oops, sie wissen dass ich neu bin. Nach einer Weile kam eine Pause und die ersten Piraten kamen auf mich zu und ich unterhielt mich mit ihnen. Es war offen und warmherzig. Das war alles vor Neumünster. 

 Ich sprach mit einem Piraten draußen beim Rauchen, wo es um diesen BPT ging. Tom gab sich die Mühe mir alles zu erklären und ich dachte mir, wow, das wärs doch. Beitreten und gleich auf einen Bundesparteitag. Leider waren meine finanziellen Mittel eher mau und ich begrub diese Idee daran teilzunehmen. Die Tage vergingen und der nächste Stammtisch stand an, dort fasste ich dann auch den Beschluss der Partei beizutreten. Ich lernte immer mehr Piraten kennen und langsam kam ich in einen Sog rein, der sich verselbständigte. In Twitter trat ich plötzlich offen als Pirat auf und twitterte viel Politisches. Das kam wohl so gut an, das plötzlich meine Follower Zahl in die Höhe schnellte. Ich war überrascht, ich fühlte mich endlich angekommen, akzeptiert und ernst genommen. Da war eine Energie, ein Zusammenhalt, etwas was ich lange suchte und nun endlich erfahre. 

Ich war gefangen, im positiven und verbrachte immer mehr Zeit mit den Piraten, online und offline. Wie ein Rädchen in einer Maschine, klein aber dennoch wichtig um sie am Laufen zu halten. Bei den Stammtischen hatte ich mittlerweile so viel Selbstvertrauen das ich mich beteiligte, an den Themen und am Leben innerhalb dieser. Eine Woche vor Neumünster wollte ich alles daran setzen, dort teilnehmen zu können. Doch wie so oft scheiterte dies am Geld. Ich las dass bei Tom (@megarosaelefant) das ein Platz im Wagen und im Hotel frei wurde. Ich fragte ihn an ob ich denn mitkommen kann, er sagte zu falls er keinen anderen findet. So kam es auch und so kam ich zum ersten BPT. Als ich mit ihnen die Halle betrat und all die Piraten sah, die Energie fühlte, bekam ich Gänsehaut. Ich dürfte zwar noch nicht teilnehmen, weil ich keine Mitgliedsnummer hatte, aber es war ein erhebendes Gefühl. Ich traf ganz viele Piraten die ich bis dahin nur Online kannte und es war als würden wir uns alle schon immer kennen. Der Sog dieser Partei hatte mich vollends gefangen.

 Mein bisheriger Freundeskreis war von all dem Aktionismus eher befremdet, denn sie konnten mit dieser Partei rein gar nichts anfangen. Es entgegneten mir alle Vorurteile die es gab. Ich merkte plötzlich, dass ich anfing unsere Partei zu verteidigen, zu erklären, es zu mindestens zu versuchen. Ich scheiterte. Denn eine negative Presse folgte der anderen. Ein Shitstorm nach den anderen zog über das Land und ich lernte über die Zeit auch diese Dinge zu akzeptieren und zu überstehen. Was meine Erklärungsversuche nicht einfacher machte. Mein Leben fokussierte immer mehr auf die Piraten. Plötzlich erkannte ich, dass diese Partei mein Leben vereinnahmt hat und ich war mit Herzblut dabei. Jede Kritik die ich an der Partei mitbekam, nahm ich plötzlich persönlich, ganz so als würde man mich selbst angreifen. Ich merkte, wie immer mehr Freunde sich plötzlich zurückzogen und alles was ich über die Piraten z.B. auf Facebook postete negativ kommentierten. Sie griffen die Partei an und vor allem auch mich, persönlich. denn die Einträge wurden immer persönlicher, man setzte meine Person gleich mit der Partei, es gab anscheinend kein Unterschied mehr.  Das tat mir weh. Denn ich war eigentlich der alte, so wie man mich kannte, mit dem einzigen Unterschied das ich nun Pirat war.

So verzog ich mich immer mehr zu anderen Piraten. Im Mumble verbrachte ich Stunden, Nächte, ganze Tage. Ich kommentierte alles auf Twitter, machte Shitstorms mit und kam in einen Strudel, der meinen Tagesablauf plötzlich bestimmte. Resistence is futile. Da wir Piraten eine mitmach Partei sind, fing ich an aktiv mitzuarbeiten. Erst bei den Queeraten, dann auch im Mumble wo ich dank Kyra anfing Runden zu moderieren. Das war etwas was mir Spaß machte. Dann kam der Tag als die Beschneidungsdebatte in den Medien aufkam. Es war für mich ein sehr wichtiges Thema, denn ich fühlte mich von Anfang an als Opfer. Tage, Wochen vergingen und ich sah in den Medien niemanden, der eine andere Meinung als die der Medien vertrat. Ich fasste den Entschluss als Menschenrechtler und Pirat in die Offensive zu gehen und das schlug ein wie eine Bombe. Plötzlich war ich überall in den Medien vertreten, ich war öffentlich. Ich hatte ein Thema aufgegriffen was bewegte, mit dem es aber nichts zu gewinnen gab. Im Gegenteil, es gipfelte in Morddrohungen gegen mich. 

Da geschah etwas Magisches für mich, eine ganze Partei stellte sich hinter mich, solidarisierte sich und gab das auf allen Kanälen kund. Ich bekam hunderte Mails und Nachrichten auf Facebook. Es waren Betroffene und Piraten die mir Mut zu sprachen, die mir helfen wollten und einfach für mich da waren. Medien meldeten sich jeden Tag bei mir, ich gab ein Interview nach dem anderem und wurde plötzlich öffentlich von den bis dahin eher „bösen“ Medien ernst genommen. Einerseits war das fast zu viel, denn ich hatte kaum noch Zeit für mich, andererseits machte es mich stolz unsere Partei in Augenhöhe und ernst genommen zu vertreten. Damit einher kamen aber auch Piraten, die wohl neidisch oder missmutig mir gegenüberstanden und auf mich einhackten. Ich wollte nur kariere machen war noch das netteste was mir vorgeworfen wurde. In meinem eigenen KV, von dem ich mich immer mehr entfremdete, machte sich unsere Schatzmeisterin öffentlich lustig über die Morddrohungen. Ich wiederholte immer wieder, dass mir eine „Karriere“ gar nicht möglich wäre, denn ich bin nicht einmal Passdeutscher. Auch wenn ich bei diesem Thema hunderte Mails und Nachrichten bekam die mir Mut gaben, mir Kraft gaben, zerbrach etwas in mir. 

Ich merkte für mich, dass es auch Teile in dieser Partei gibt, die destruktiv sind. Ich sah immer mehr Streit innerhalb der Partei. Da wurden Piraten gemobbt, niedergemacht, es bildeten sich Flügen und ich begriff langsam, das ich eine rosa Brille auf hatte. Dann begann der zweite Sog, der negative. Ich verbrachte ganze Tage im Mumble und vernahm eigentlich nur noch Kritik an der Partei. Ich las online Medien und wir wurden auseinander gepflückt. Diesmal war ich aber in einer anderen Situation, ich merkte das vieles was ich da hörte und las, zum Teil stimmte. Als dann noch unser Bundesvorstand anfing sich über die Medien zu bashen war ein Punkt erreicht, wo mir erste Zweifel kamen ob ich noch den richtigen Heimathafen habe. Die Stimmung kippte immer mehr ins Negative, ich sah immer öfter Dinge die einfach falsch liefen.  Ich sah immer öfter Trolle, die nichts anderes machten als ihr Gift zu versprühen. Es tat eigentlich weh, dies alles zu sehen und weder es zu verstehen warum, noch an der Situation etwas verändern zu können. Auch meine eigenen Tweets veränderten sich. Sie wurden lauter und aggressiver. Die Wut und die Hilflosigkeit bahnten sich ihren Weg ins Netz.

Viele andere Piraten, die mir wirklich wichtig sind, zogen sich zurück. Das tat ich dann auch. Ich fühlte mich ausgebrannt, kraftlos. Ich wollte nur noch weg von alle dem. Die Nächte im Mumble bekräftigten dies auch noch weiter, denn ich ging immer öfter mit einem schlechten Gefühl ins Bett, mit negativen Gedanken. Dies konnte aber alles nur geschehen, weil diese Partei mich in ihren Bann gezogen hatte, ein wichtiger Teil von mir wurde. Ich hatte innerhalb der Partei so etwas wie eine Ersatz Familie gefunden, sie war Teil meines Lebens. Sobald ich online war, war sie da. Unausweichlich. 

Als ich dies öffentlich machte, das ich mich zurückziehen will, evtl. sogar die Partei verlassen, waren plötzlich die Stimmen wieder da, die in dem ganzen negativen untergegangen waren. Man sagte mir von vielen Seiten dass ich ihnen wichtig wäre, dass sie nicht wollen das ich gehe, denn dann würde ein Teil von ihnen mitgehen. Mir wurde gesagt, ich hätte eine Verantwortung, weil viele Piraten zu mir schauen würden, meine Meinung ihnen sehr wichtig ist. Ich war erst mal baff. Das war ein wenig viel für mich, denn plötzlich hatte ich so etwas gefühlt wie Verantwortung. Das ehrte mich, war aber auch gleichzeitig etwas, mit dem ich erst mal klar kommen musste.

Ich wäre Meinungsmacher, ich hätte Einfluss in die Partei mit dem was ich sage. Ich war irritiert, denn ich hatte das niemals so empfunden. Dann kam Bochum.

Bochum, ja, der Parteitag von dem ich kaum etwas mitbekam, da ich egal wo ich hin lief, immer Piraten um mich hatte die mich kennen lernen wollten aus dem ganzen Bundesgebiet. Als man auch noch anfing zu Twittern wo ich bin, was ich mache wurde mir das fast unheimlich. Doch es geschah auch etwas Wunderbares: Die Energie, die bis dahin verloren geglaubt war, erfüllte mich wieder. Wir hatten so viele konstruktive Gespräche, positives Feedback und eine Wertschätzung für das was ich machte, was andere aktiv taten, das ich eine gewisse Euphorie verspürte. ich fühlte etwas, das ich seit langem nicht mehr fühlte: Hoffnung.

Diese war mir verloren gegangen. Ich war in so einer negativen Schiene gefangen, das ich selber nicht mehr sah was wir Piraten ohne die negativen Stimmen alles so schaffen. Wie viel Herzblut weiterhin in diese Partei fließt, wie viele Schultern eigentlich mit viel Kraft diese Partei stützen. Ich merkte, dass ich von Trollen so vergiftet wurde, das ich wie umnebelt das alles nicht mehr sah. Im Gegenteil, sie schafften es fast, aus mir das zu machen was sie selber sind. Diese Hoffnung und wärme wieder zu bekommen, öffnete mir die Augen. 

Heute grenze ich mich von den negativen Kräften ab, die mir die Kraft raubten an diese Partei weiter zu Glauben. Ich wende mich an die, die uns positiv weiterbringen wollen und nicht nur reden, sondern es auch aktiv tun.

Ich bin wieder da, mit Energie, Hoffnung und Tatendrang und das alles nur, weil es so viele starke Piraten gibt,  die einen nicht fallen lassen und für einen da sind wenn man sie braucht. Sie waren immer da und werden es auch sein, wenn die Trolle endlich merken dass sie nicht zu uns gehören. Diesen Stachel werden wir uns auch noch ziehen.

Danke an all die Piraten, die mich begleitet haben und mir Kraft gaben, für mich, für uns. Ohne euch wäre diese Partei nicht die, die wir lieben und schätzen.

 

2 Comments

  1. Bravo, Ali!

    Nach jedem Aufstieg kommt der unvermeidliche Rückschritt. Und dann sind natürlich die am lautesten, die „alles schon vorher gewusst haben“, natürlich hinterher. Da muss man durch. Das ist in allen Projekten so.

    Mach weiter.

    Und zur Beschneidungsdebatte ist das letzte Wort auch noch nicht gesprochen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.