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Meine Seele brennt

Eigentlich wollte ich nicht Bloggen, aber mittlerweile kocht es in mir. Vor Trauer, vor Wut. Ich bin in die Piratenpartei eingetreten, weil es für mich damals die einzige Netzpartei war. Aber nicht nur das, sie zeigte mir, dass Vielfalt gelebt werden kann, denn diese Partei war vielfältig! Ich kann mich noch genau an meinen ersten BPT erinnern. Es war wie eine Offenbarung. Ich sah Menschen in allen Farben, in allen Ausrichtungen, es war egal wie du bist, wir waren Piraten. Und nun? 

Zunächst unmerklich hat sich etwas in die Partei geschlichen, sich festgesetzt, wie ein böser Schatten. Es brachte Machtspiele, Intrigen und blanken Hass mit sich. Es fing an zu spalten, zu Teilen, zu unterscheiden.

Es brach auf, was unser Kern ist. Die Vielfalt. Die Basis. Uns. Es ging um Macht. Es ging um Persönliches. Es ging um Ideologien – und es hat es geschafft, uns von uns selbst zu entfernen, uns gegenseitig zu misstrauen. Plötzlich fühlte sich jeder in seinen Grundwerten vom anderen angegriffen, obwohl diese nie zur Debatte standen. Im Gegenteil, man hat das bewusst benutzt, um aufzuwiegeln. Es wurden gezielt ‚Feindbilder‘ gesucht und diese in Personen projiziert. Die Masche war perfide, aber wirkungsvoll. Alles schleichend, alles aus dem Hintergrund. Man schaffte sich seine eigenen Legenden. Die Legende von der ‚Anti-Antifa‘ in der Piratenpartei.

 
Ja, ihr kennt die Geschichte schon zur Genüge. Hänge parteifremde Fahnen auf und warte, was passiert. Ein perfektes Mittel, um sich als Märtyrer der gerechten Sache hinzustellen. Denn wer gegen “die Antifa” ist, muss ein Rechter sein. Eine perfekte Waffe, um Menschen zu diskreditieren, fertig zu machen und letztendlich zu vernichten. Denn man selber ist ja Antifa, man ist ja „der Gute“. Bullshit. Jeder Demokrat ist Antifaschist. Alleine mir zu sagen, ich wäre rechts, zeigt doch, das dies nicht immer funktionieren kann. Ich bin Türke. Schwul. Atheist. Ich bin das, was Rechte hassen, sie würden Menschen wie mich “loswerden” wollen. Endgültig.

Trotzdem fielen viele Piraten auf dieses Spiel rein, denn wer von ihnen würde denn von sich sagen lassen wollen, er wäre gegen Antifaschisten? 

Aber zu Legenden braucht man auch immer Märtyrer, die armen Geschundenen, die Opfer wurden, an denen sich das abartige rechte Volk vergehen will. Dazu brauchte man nur einen Grund – und was nimmt man da am besten? Willkommen bei “Bomber Harris”. Eine feige Aktion meiner Ansicht nach, denn wer sich für Menschenrechte einsetzen will, macht das mit seinem Gesicht und steht notfalls auch mit seinem Leben dahinter, für die gerechte Sache. Aber darum ging es nicht. Es ging um Märtyrer. Denn danach konnte man sich immer auf diese Person berufen: “Seht alle her, wir sind die Guten, denn die bösen Nazis bedrohen nun Person X. Wenn ihr gegen uns seid, seid ihr für die Nazis!” Perfekt. Das dabei die Basis, der BuVo, die Presse, Menschen angelogen worden sind, who cares?

Kritiker wurden verfolgt, werden verfolgt. Sie werden diffamiert, sie werden gemobbt, es werden Kompromate gesammelt. Alles Methoden, die auch gerne Faschisten benutzen. Wenn es um das Ziel geht, sind die Mittel moralisch unbedenklich. Ich sage es nochmal: Manche sind so ultralinks, das sie rechts mit ihrer Schulter wieder die Faschisten in der Methodik berühren. 

Man schmückt sich zwar immer wieder mit Menschenrechten, tritt diese innerparteilich aber immer wieder mit Stiefeln nieder.

Unsere Partei ist nicht nur gespalten wegen diesen Dingen, nein, sie misstraut sich selbst, spaltet, gräbt Gräben aus und schaltet, genaugenommen, unsere Partei damit aus.

Die Welt um uns herum wird in der Zwischenzeit zur Hölle. Es geht nicht mehr um die NSA. TTIP. Es geht nur noch um Macht. Ich bin Idealist. Ich mache Dinge aus Überzeugung, notfalls würde ich für die Sache sogar riskieren, dass ich getötet werde. Aber ich mach‘ es, weil ich oftmals die Stimme bin für diejenigen, die keine haben. Deswegen trat ich bei den Piraten ein. Keine andere Partei setzt sich so für Bürger und Menschenrechte ein wie wir. Universal und nicht monothematisch. Wir wollen die Freiheit des Einzelnen. Wir wollen, dass jede Stimme gleich viel wert ist. Wir wollen Selbstbestimmung, wir wollen das alle Menschen ob on- oder offline mit Würde behandelt werden. Wir wollen, dass die Bürger wirklich der Staat sind, zum Wohle aller.

Und deswegen KOTZT MICH DAS DERMAßEN AN, DASS UNSERE PARTEI SO IN DEN DRECK GEZOGEN WIRD für die eigenen Interessen, Ideologien, Peergroups, hinweg über alle Köpfe, einfach so.

Sie wollen es weder einsehen, noch begreifen, was sie anrichten. Fundamentalisten sind von ihrer Sache so überzeugt, das sie nichts, aber auch gar nichts von ihrem Weg abringen würde. Es wird gehetzt, es wird gewartet, das ein Wort zweideutig sein könnte und sofort geht man in den Angriff über. Man kann versuchen mit ihnen zu reden, aber diese Gespräche laufen nie auf Augenhöhe, denn man ist per se der Böse.

Ich sehe Piraten, die aus der Partei austreten. Sie sehen das gleiche Desaster wie ich. Sie wehren sich aber nicht, ihnen fehlt mittlerweile der Glaube und die Kraft dazu. Es sind oftmals die Aktiven.

Unser Rückrat blutet aus, allerorten fehlen Aktive, die helfen und sich für unsere Partei einsetzen. Eine Partei ohne Aktive ist wie ein Wasserrad ohne Wasser. 

Viele nicht-Piraten fragen mich immer wieder, warum ich das mitmache, warum ich mir das antue. Das habe ich mich auch oft gefragt. Zum ersten mal in der Zeit, als ich als Beisitzer im NRW LaVo saß und in der Türkei die Gezi Proteste losgingen. In dieser Zeit hatte ich offen Probleme mit meinen LaVo-Kollegen, stand unter Druck. Aber es wäre nichts gewesen, was wir nicht hätten lösen können. Doch dadurch, was in der Türkei geschah – als ich und meine Familie plötzlich direkt betroffen waren – erst durch Verletzungen meiner Mutter und dann durch ihren späteren Tod, war ich am Ende. Ich wollte mich zurückziehen, ich konnte keine LaVo Arbeit mehr machen. Ich hatte nicht mal Zeit, die Trauer um meine Mutter zu verarbeiten. Ich konnte nicht mal bei ihrer Beerdigung dabei sein. Schon da gingen die Bashings gegen mich los, verfolgten mich auf allen Plattformen. Ich war am Ende, habe mein Amt niedergelegt, wollte raus aus der Partei. Nicht weil die Partei etwas dafür konnte, sondern weil ich persönlich nicht mehr konnte.

Ich bin nicht ausgetreten. Dieser Schritt war für mich letztendlich doch nicht zu nehmen. Ich brauchte nur Zeit für mich, um dann wieder Kraft zu tanken für meine Parteitätigkeiten – wie die der Queeraten.

Doch in den letzten Monaten, ergriff mich ein Gefühl, dass die Partei zerbricht. An all‘ ihren Gates, die im Wochentakt kamen und wie eine Wand auf uns ein fielen. Aber diese Gates kamen nicht von außen, sie kamen von innen. Das Ergebnis seht ihr. Ja, man könnte meinen, das Beste wäre hinzuschmeißen und zu gehen. Nicht für mich, ich bleibe und wenn ich der letzte bin, der die Tür zumacht. Ich will, dass wir wieder Politik machen, auf die Straßen gehen, laut sind. Wir sind so verschieden, wir kommen aus so vielen Ecken, dennoch stehen wir immer wieder zusammen für unsere Sache. Das wurde uns genommen aber da will ich wieder hin. Wir müssen lernen, wieder zu vertrauen und denjenigen, die dies nicht wollen, unmissverständlich klar machen, dass dies bei uns nicht erwünscht ist. Wir wollen kein Mobbing. Wir wollen kein Bashing, keine Hetze, Verleumdung, Feindbilder innerhalb der Partei, wir wollen keine parteifremde Ideologien. Wir wollen diese nicht übergestülpt bekommen. Parteiinterne Demokratie heißt für seine Sache Mehrheiten finden, diese abstimmen lassen und schauen, ob man es geschafft hat. Menschen durch die Kultur der Angst in seine Richtung bringen zu wollen, ist verabscheuungswürdig und nur in Diktaturen zu finden.

Das wollen wir nicht. 

Was wir wollen, steht in unserem Grundsatzprogramm. 

Ich werde keinen meiner Parteikollegen, die gegen mich opponieren die Genugtuung geben und die Partei verlassen. Nein, im Gegenteil, ich bewerbe mich für den BuVo. Ich will helfen die Heilung in der Partei voranzubringen und gegen die, die die Partei offensichtlich bekämpfen, ein Gegengewicht sein. Entschieden wird auf dem aBPT, nicht auf Twitter.

Und ich stehe hinter diesen Hashtag: #reclaimyournetzpartei